„Kontrakt 18“-Mitinitiatorin Dorothee Schön antwortet in einem offenen Brief dem Regisseur Dominik Graf auf seinen Gastbeitrag zu "Kontrakt 18" in der Süddeutschen Zeitung vom 01.08.2018:


Lieber Dominik,

In deinem Artikel „Zweisamkeit bis zur Schmerzgrenze“ nennst du es absurd, dass Drehbuchautoren und Regisseure gegeneinander zur Attacke blasen. Damit hast du absolut recht. Daher ist es wenig zielführend, wenn du Kontrakt 18 als „verbale Planierraupe“ bezeichnest, die „die Schuld für jahrzehntelange Demütigung und Marginalisierung der Autoren in Richtung der Regisseure“ schieben würde.

Tatsächlich ist Kontrakt 18 eine Selbstverpflichtung, die gegenüber den Vertragspartnern bestimmte Standards der Mitsprache fordern, die übrigens in anderen Ländern selbstverständlich sind. Unsere Vertragspartner sind in der Regel die Produzenten, indirekt aber natürlich die Sender, die die Buchverträge diktieren – mit ihnen müssen wir unsere Forderungen aushandeln. Kontrakt 18 ist mitnichten eine Kampfansage an die Regie oder, wie es die Überschrift deines Artikels behauptet, ein „Ringen um die Hoheit am Set“. Aber wahrscheinlich ist diese Überschrift von dir nicht selbst formuliert oder autorisiert worden – und damit ein sinnfälliges Beispiel dafür, was einem als Autor passieren kann, wenn Fremde ungefragt am eigenen Text herumbasteln.

Eine Kampfansage an die Regisseure? Ist nicht vielmehr das Berufsbild, das der Regieverband auf seiner Homepage beschreibt, eine Kampfansage an die Autoren? Dort heißt es: Die Regietätigkeit umfasst „die Verständigung über die beabsichtigte Gesamtwirkung des Filmwerks und der erforderlichen Produktionsmittel mit Produzent und/oder Fernsehsender.“ Punkt. Von einem Drehbuchautor ist da nicht die Rede. Stattdessen wird festgestellt, dass zur Regie ganz selbstverständlich die „dramaturgische Bearbeitung einer stofflichen Vorlage“ gehört, wobei es dabei nur „eventuell“ zu einer „Zusammenarbeit mit einem Autor oder einer Autorin“ kommt. Eventuell…! Das klingt jedenfalls nicht nach der vitalen, ja sogar exklusiven Kommunikation mit dem Autor, wie du sie forderst.

Tatsächlich geht es in Kontrakt 18 darum, aus dem Verantwortungsdreieck Redaktion-Produktion-Regie wieder ein Viereck mit dem Autor zu machen. Nach meiner Erfahrung verläuft die Frontlinie dabei keineswegs zwangsläufig zwischen Regie und Buch. Das mag in Einzelfällen zwar vorkommen, denn genauso wie es mittelmäßige Drehbücher gibt, gibt es mittelmäßige Regisseure, die ein Drehbuch nur als Steinbruch verstehen, aus dem sie sich nach Belieben bedienen und aus diesem „unfriendly takeover“ auch noch Autorenhonorare für sich reklamieren. Doch die Machtposition der Regie, früher gestützt durch das künstlerische Ideal des „Autorenfilms“, ist längst ausgehöhlt. Heute sitzt die Macht bei den Sendern und Fördergremien: Sie senken den Daumen über Budgets, Projekte und Karrieren, - schlicht weil sie das Geld geben. Heute kann kein Regisseur mehr über Cast, Crew, Motive, Schnitt oder Musik entscheiden – überall bestimmt die Redaktion mit. Und viele Produzenten sind in einer Zwickmühle, weil sie es sich mit den Sendermächtigen und Gremien nicht verderben dürfen, schließlich beißt man nicht die Hand, die einen füttert. Ich hätte vollstes Verständnis, wenn die Regisseure sich in einem eigenen Kontrakt 18 gegen solche Enteignungen zur Wehr setzen würden. Wir Autoren haben jedenfalls kein Interesse an Regisseuren, die ihren Beruf mit "nachschaffender Beamtenmentalität“ ausüben.

Umgekehrt wird sich kein Regisseur wünschen, dass Autoren ihre Arbeit mit eben jener Beamtenmentalität betreiben. Doch wissen die Regisseure überhaupt, wie die Arbeitsbedingungen von Autoren tatsächlich aussehen? In der Regel haben diese schon einen jahrelangen Bearbeitungsmarathon hinter sich gebracht, bevor der Regisseur die x-te Fassung des Drehbuches das erste Mal in Händen hält. Bei der Stoffentwicklung haben bis dahin dem Autor keineswegs ein Redakteur und ein Produzent gegenübergesessen, sondern es sind inzwischen zwischen fünf und acht „Adabeis“, die bei jeder Buchbesprechung mitdiskutieren. Und es werden jedes Jahr mehr. Dabei ist die darüber liegende Senderhierarchie (Fernsehspielchefs, Fernsehdirektoren, Programmkoordinatoren, Gemeinschaftsredaktionen…) noch gar nicht mit eingerechnet, obwohl sie indirekt oft massiv Einfluss auf die Stoffe nehmen. Das Resultat ist dann nach der Überarbeitung der Überarbeitung der Überarbeitung oft nur noch medioker, selbst wenn jeder einzelne Mitdiskutant besten Willens ist. Eine Suppe wird ja auch nicht dadurch genießbar, indem man alle Gewürze, die der Küchenschrank bereithält, hinein kippt. Doch da der Autor zwei Drittel seines Honorars erst bekommt, wenn das Buch final abgenommen und der Film gedreht wird, können es sich viele Autoren schlicht nicht leisten, die Kakophonie der geforderten Änderungswünsche zu ignorieren.

Und am Ende dieser mehrfachen „Waschgänge“, die ein Drehbuch durchläuft, entscheiden dann Redaktion und Produktion allein über die Regie, ohne den Autor auch nur zu fragen, wen er sich als Regisseur für seinen Stoff vorstellen könnte. Ist es nicht absurd, dass man als Autor in Kontrakt 18 (Punkt 2) überhaupt fordern muss, in dieser Frage gehört zu werden?! Ich jedenfalls habe 17 Tatort-Drehbücher für die unterschiedlichsten Redaktionen und Produktionen geschrieben und bin nicht ein einziges Mal auch nur gefragt worden, wen ich mir für die Regie meines Buches wünschen würde, geschweige denn, dass ich an der Entscheidung beteiligt gewesen wäre. Anders gefragt: Würdest du es als Regisseur akzeptieren, dass man die Besetzung deines Films bestimmt, ohne dass du auch nur dazu befragt wirst? Wohl kaum… Und kann es im Interesse von Produktion und Redaktion sein, einen Regisseur gegen den begründeten Widerstand des Autors zu bestimmen? Wohl ebenso wenig.Und ist es wirklich so empörend, dass man sich mit einem Autor ins Benehmen setzen muss, wenn dessen Buch von Dritten umgeschrieben werden soll, wie Punkt 1 von Kontrakt 18 fordert? Auch wenn manche deiner Kollegen das vielleicht als Untergrabung ihrer Autorität missverstehen wollen, im normalen Leben fällt das wohl eher unter die Kategorie Anstand und Respekt. Die Regisseure, mit denen ich arbeite, haben jedenfalls nichts gegen meine Anwesenheit bei Leseproben (Punkt 3) einzuwenden, sofern diese im Zeitalter der radikalen Sparvorgaben überhaupt stattfinden. Sie tauschen sich auch tatsächlich gerne mit mir über Muster und Rohschnitt aus (Punkt 4) und haben auch nichts gegen meine Nennung in der Öffentlichkeit (Punkt 5) einzuwenden.Und in Punkt 6 fordern wir Unterzeichner lediglich den Respekt, den wir von Redaktion, Produktion und Regie erwarten, auch von unseren Autorenkollegen ein, um dem verbreiteten Übel der gegenseitigen Kannibalisierung entgegenzuwirken. Nein, eine Kampfansage an die Regie sind diese sechs Forderungen wohl kaum. Es ist eine Kampfansage an entfremdete Arbeitsbedingungen, die uns immer massiver aufoktroyiert werden.

Ohne ein gutes Drehbuch gibt es nur schwerlich einen guten Film. International operierende Produzenten haben das längst erkannt. Horizontal erzählte Serien, die durch die neuen Anbieter wie Netflix, Amazon und Co. den Markt erobern, sind ohne starke Autoren nicht zu machen. Man konnte bisher zwar für die Arzt- und Krimireihen des deutschen Vorabendprogramms immer neue und beliebige Autoren anheuern (und feuern) ohne dass es auffiel. Aber eine Serie wie „Dark“ oder „Bad Banks“ braucht einen Headautor, der den erzählerischen Überblick behält, und der ist nicht mehr ungestraft austauschbar. Plötzlich haben ausgerechnet diejenigen bei der Projektentwicklung den Hut auf, die die Branche bisher marginalisiert und gedemütigt hat – wie du selbst schreibst. Daher ist es kein Zufall, dass wir Autoren uns gerade jetzt zu Wort melden.

Obwohl die Forderungen von Kontrakt 18 bedeuten, dass wir für das gleiche Honorar noch mehr Zeit und Engagement in ein Filmprojekt stecken müssen, sind wir dazu bereit. Und obwohl wir Unterzeichner dieses Kontraktes riskieren, gegen willfährigere Kollegen ausgetauscht zu werden, gehen wir dieses Risiko ein. Wir wollen kreative und mitverantwortliche Partner sein und nicht kujonierte Dienstleister. Und mit dieser Forderung sitzen wir tatsächlich im gleichen Boot mit den Regisseuren.

Venceremos!
Dorothee

 

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